Trehalose

Trehalose klingt nach einem exotischen Süßstoff mit wenig Kalorien – doch dieser Eindruck täuscht. Der Zweifachzucker wird von Ihrem Körper vollständig verdaut und liefert praktisch genauso viel Energie wie normaler Haushaltszucker. Warum Trehalose dennoch in Fertigprodukten, Trockenobst und der Lebensmitteltechnik eine besondere Rolle spielt und wie eine viel zitierte Studie zu Darmkeimen einzuordnen ist, erfahren Sie in diesem Überblick.

Auf einen Blick

Trehalose ist ein vollwertiger Zucker mit rund 4 kcal pro Gramm – kein kalorienreduzierter Süßstoff. Sie besteht aus zwei Glukose-Bausteinen, süßt aber nur etwa zu 45 Prozent so stark wie Haushaltszucker. Das Enzym Trehalase spaltet sie im Dünndarm vollständig auf, weshalb sie ernährungsphysiologisch weitgehend wie Traubenzucker wirkt – mit einem etwas niedrigeren glykämischen Index. In der EU ist Trehalose seit 2001 als Novel Food zugelassen und gilt bei üblichem Verzehr als sicher.

Was ist Trehalose?

Trehalose ist ein Disaccharid, also ein Zweifachzucker. Anders als Haushaltszucker (Saccharose), der aus je einem Molekül Glukose und Fruktose besteht, setzt sich Trehalose aus zwei identischen Glukose-Einheiten zusammen. Das Besondere liegt in der Art der Verknüpfung: Die beiden Glukose-Ringe sind über eine sogenannte α,α-1,1-glykosidische Bindung miteinander verbunden. Diese Verbindung ist chemisch außergewöhnlich stabil und verleiht dem Molekül seine typischen technischen Eigenschaften.

Chemisch wird Trehalose auch als Mycose oder Pilzzucker bezeichnet. Sie kommt in der Natur weit verbreitet vor, taucht auf Zutatenlisten aber meist nur in verarbeiteten Produkten auf. Kommerziell wird sie heute überwiegend enzymatisch aus Stärke gewonnen – ein Verfahren, das die früher sehr teure Herstellung deutlich verbilligt und den breiten Einsatz in Lebensmitteln erst ermöglicht hat.

Süßkraft und Geschmack

Wer Trehalose zum ersten Mal probiert, bemerkt: Sie schmeckt deutlich weniger süß als gewohnt. Ihre Süßkraft liegt bei nur etwa 45 Prozent der von Saccharose. Der Geschmack wird häufig als mild, rund und angenehm ohne unangenehmen Nachgeschmack beschrieben. In der Praxis nutzen Hersteller diese geringe Süße, um Produkten Körper und Textur zu geben, ohne sie übermäßig süß zu machen – etwa in Backwaren, Süßwaren oder Getränken.

Wichtig für das Verständnis: Die geringe Süßkraft bedeutet nicht, dass Trehalose eine kalorienarme Alternative wäre. Um dieselbe Süße wie mit normalem Zucker zu erreichen, müssten Sie sogar eine größere Menge einsetzen – und damit mehr Kalorien aufnehmen.

Kalorien und Verdauung: Ein vollwertiger Zucker

Hier liegt das größte Missverständnis rund um Trehalose. Trotz ihrer stabilen Struktur wird sie im menschlichen Dünndarm durch ein spezielles Enzym namens Trehalase vollständig in ihre beiden Glukose-Bausteine zerlegt. Diese Glukose gelangt anschließend ins Blut und wird als Energie verwertet – exakt wie bei anderen verdaulichen Zuckern.

Das Ergebnis: Trehalose liefert rund 4 Kilokalorien pro Gramm und ist damit kalorisch praktisch gleichwertig mit Haushaltszucker. Sie ist ausdrücklich kein kalorienreduzierter Süßstoff und gehört nicht in dieselbe Kategorie wie Erythrit, Stevia oder Aspartam. Wer Kalorien oder Zuckeraufnahme senken möchte, findet in Trehalose keine geeignete Lösung. Einen Überblick über tatsächlich kalorienreduzierte Alternativen bietet unser Ratgeber zum Zuckerersatz.

Wichtig: Lassen Sie sich von Begriffen wie „natürlicher Zucker aus Pilzen“ oder „schonende Süße“ nicht in die Irre führen. Trehalose ist ein vollwertiger Zucker mit nahezu identischem Kaloriengehalt wie Haushaltszucker. Für eine kalorienbewusste oder zuckerreduzierte Ernährung ist sie nicht geeignet.

Glykämischer Index: moderat, aber nicht niedrig

Der glykämische Index (GI) beschreibt, wie schnell und stark ein Lebensmittel den Blutzuckerspiegel ansteigen lässt. Da Trehalose erst durch die Trehalase aufgespalten werden muss, bevor die Glukose ins Blut übergeht, verläuft dieser Prozess etwas langsamer als bei reiner Glukose. Der GI von Trehalose wird daher als moderat eingestuft – etwas niedriger als der von reinem Traubenzucker, aber keineswegs im niedrigen Bereich.

Für Menschen mit Diabetes oder Insulinresistenz bedeutet das: Trehalose ist kein Freibrief. Sie wirkt letztlich blutzuckerwirksam und muss wie andere Kohlenhydrate in die Berechnung einbezogen werden. Wie einzelne Zuckerarten im Vergleich abschneiden, erläutern wir ausführlich in unserem Beitrag zum glykämischen Index.

EigenschaftTrehaloseHaushaltszucker (Saccharose)
BausteineGlukose + GlukoseGlukose + Fruktose
Bindungα,α-1,1α,β-1,2
Süßkraft (Saccharose = 100 %)ca. 45 %100 %
Energiegehaltca. 4 kcal/gca. 4 kcal/g
Verdauungvollständig (Enzym Trehalase)vollständig (Enzym Saccharase)
Glykämischer Indexmoderathoch
Kalorienreduziert?neinnein

Wo Trehalose natürlich vorkommt

Trehalose ist in der Natur weit verbreitet und keineswegs eine rein industrielle Erfindung. Sie findet sich in zahlreichen Organismen, die sie häufig als Schutz- und Speicherstoff nutzen:

  • Pilze: Speisepilze wie Champignons und Shiitake enthalten nennenswerte Mengen Trehalose.
  • Hefe: Backhefe speichert Trehalose, was ihr hilft, Trocknung und Kälte zu überstehen.
  • Honig: In geringen Mengen natürlich enthalten.
  • Insekten und andere Kleinlebewesen: Bei vielen Insekten dient Trehalose als „Blutzucker“ und liefert schnell verfügbare Energie für den Flug.
  • Pflanzen: Besonders bekannt ist die „Auferstehungspflanze“, die dank Trehalose extreme Austrocknung überlebt.

Der Mensch nimmt über Pilze und andere Lebensmittel also seit jeher kleine Mengen Trehalose auf. Werte zum Zuckergehalt einzelner Lebensmittel finden Sie in unserer Nährwertdatenbank.

Technische Eigenschaften und Einsatz in Lebensmitteln

Der eigentliche Grund, warum die Lebensmittelindustrie Trehalose schätzt, liegt nicht in der Süße, sondern in ihren funktionellen Eigenschaften. Die stabile Molekülstruktur macht sie zu einem vielseitigen technischen Hilfsstoff:

  • Zell- und Proteinschutz: Trehalose stabilisiert empfindliche Strukturen und schützt Proteine sowie Zellmembranen vor Schäden durch Austrocknung oder Kälte. Diese Eigenschaft wird auch in Biotechnologie und Medizin genutzt.
  • Feuchthaltung: Sie bindet Wasser und hält Produkte länger frisch und geschmeidig.
  • Schutz vor Rekristallisation: In Eiscreme und gefrorenen Produkten verhindert Trehalose die Bildung großer Eiskristalle und sorgt für eine cremige Textur.
  • Gefriertrocknung: Sie schützt Aromen, Vitamine und Struktur beim Gefriertrocknen, etwa bei Instantprodukten oder Trockenobst.
  • Aromastabilität: Trehalose kann unerwünschte Geschmacksveränderungen bei Lagerung verringern.

Sie begegnet Ihnen daher vor allem in Backwaren, Süßwaren, Trockenfrüchten, Frühstückszerealien, Getränken sowie in gefrorenen und getrockneten Fertigprodukten.

Rechtliche Einordnung in der EU

In der Europäischen Union gilt Trehalose als neuartiges Lebensmittel (Novel Food). Sie wurde mit der Entscheidung 2001/721/EG der Europäischen Kommission im Jahr 2001 für das Inverkehrbringen zugelassen, nachdem eine wissenschaftliche Sicherheitsbewertung durchgeführt worden war. Trehalose darf seither in verschiedenen Lebensmittelkategorien eingesetzt werden und wird auf Zutatenlisten schlicht als „Trehalose“ ausgewiesen. Details zur Zulassung sind über die Entscheidung 2001/721/EG bei EUR-Lex öffentlich einsehbar.

Die Debatte um Clostridioides difficile

Rund um Trehalose gibt es eine wissenschaftliche Diskussion, die Sie kennen sollten – gerade weil sie oft verkürzt wiedergegeben wird. Im Jahr 2018 veröffentlichte ein Forschungsteam in der Fachzeitschrift Nature die Hypothese, dass die zunehmende Verbreitung von Trehalose als Lebensmittelzusatz das Aufkommen besonders aggressiver (hypervirulenter) Stämme des Darmkeims Clostridioides difficile begünstigt haben könnte. Bestimmte epidemische Ribotypen dieses Erregers können Trehalose besonders effizient verwerten, was ihnen in Laborversuchen einen Wachstumsvorteil verschaffte. Die Originalarbeit ist über PubMed (Collins et al., 2018) zugänglich.

Diese Ergebnisse sorgten für Schlagzeilen – doch es handelt sich ausdrücklich um eine Hypothese, die vor allem auf Zellkultur- und Tierversuchen beruht. Nachfolgende Untersuchungen haben die Schlussfolgerungen deutlich relativiert. Mehrere Forschungsgruppen fanden heraus, dass die Fähigkeit zur Trehalose-Verwertung bei C. difficile weit verbreitet und nicht zuverlässig mit schwereren Krankheitsverläufen verknüpft ist. Eine kritische Überprüfung der Kausalitätsfrage kommt zu dem Schluss, dass ein direkter ursächlicher Zusammenhang zwischen Trehalose-Konsum und dem Anstieg schwerer C.-difficile-Infektionen nicht belegt ist – nachzulesen etwa in dieser Übersichtsarbeit bei PubMed.

Für Sie als Verbraucherin oder Verbraucher bedeutet das: Nach aktuellem Kenntnisstand gibt es keinen Beleg dafür, dass der übliche Verzehr von Trehalose in Lebensmitteln gesundheitlich gefährlich ist. Die Zulassungsbehörden haben die Sicherheitsbewertung durch diese Debatte nicht revidiert. Wie so oft in der Ernährungswissenschaft gilt: Eine einzelne spektakuläre Studie ist kein Endergebnis, sondern der Anfang einer Diskussion.

Häufige Fragen zu Trehalose

Ist Trehalose ein kalorienarmer Süßstoff?

Nein. Trehalose wird vollständig verdaut und liefert etwa 4 kcal pro Gramm – genauso viel wie Haushaltszucker. Sie ist kein kalorienreduzierter Süßstoff, sondern ein vollwertiger Zucker.

Ist Trehalose für Menschen mit Diabetes geeignet?

Trehalose wirkt blutzuckerwirksam, auch wenn ihr glykämischer Index etwas niedriger ist als der von reiner Glukose. Sie muss wie andere Kohlenhydrate berücksichtigt werden und ist kein bedenkenloser Zuckerersatz. Bitte sprechen Sie im Zweifel mit Ihrem behandelnden Arzt.

Warum schmeckt Trehalose so wenig süß?

Ihre Süßkraft beträgt nur etwa 45 Prozent der von Haushaltszucker. Sie wird deshalb häufig nicht zum Süßen, sondern wegen ihrer technischen Eigenschaften wie Feuchthaltung und Textur eingesetzt.

Macht Trehalose den Darmkeim C. difficile gefährlicher?

Eine Studie aus dem Jahr 2018 stellte diese Hypothese auf, doch spätere Untersuchungen haben sie stark relativiert. Ein ursächlicher Zusammenhang mit schweren Infektionen beim Menschen ist nicht belegt. Bei üblichem Verzehr gilt Trehalose als sicher.

Kann ich Trehalose bei Trehalase-Mangel vertragen?

Sehr selten fehlt das Enzym Trehalase, das für die Verdauung nötig ist. Betroffene können nach dem Verzehr Verdauungsbeschwerden bekommen, ähnlich wie bei einer Laktoseintoleranz. Dieser Enzymmangel ist jedoch selten.

Woraus wird Trehalose hergestellt?

Kommerziell wird Trehalose heute meist enzymatisch aus Stärke gewonnen. Natürlich kommt sie in Pilzen, Hefe, Honig und Insekten vor.

Fazit

Trehalose ist ein faszinierender Zucker mit bemerkenswerten technischen Eigenschaften, aber sie ist eben genau das: ein Zucker. Wer sie für eine kalorienarme oder blutzuckerfreundliche Alternative hält, unterliegt einem Irrtum. Mit rund 4 kcal pro Gramm, vollständiger Verdauung durch die Trehalase und einer nur moderat niedrigeren Blutzuckerwirkung als Traubenzucker ist sie ernährungsphysiologisch weitgehend mit Haushaltszucker vergleichbar – lediglich weniger süß. Ihr Nutzen liegt in der Lebensmitteltechnik, nicht in der Kalorienbilanz. Die viel diskutierte Verbindung zu aggressiven Darmkeimen bleibt eine unbestätigte Hypothese ohne Beleg für eine Gefahr bei üblichem Verzehr. Betrachten Sie Trehalose auf der Zutatenliste daher schlicht als das, was sie ist: eine Zuckerart, die Sie in Ihre tägliche Zuckerbilanz einrechnen sollten.