Bunte Buchstaben von A bis E, von Dunkelgrün bis Rot: Der Nutri-Score prangt inzwischen auf Tausenden Verpackungen in deutschen Supermärkten. Er verspricht, die komplizierte Nährwerttabelle in ein einziges Symbol zu übersetzen, das man im Vorbeigehen erfasst. Doch was steckt hinter der Farbskala, wie fließt ausgerechnet der Zucker in die Bewertung ein, und wie viel taugt das Label wirklich für eine bewusste Kaufentscheidung? Wir haben uns Berechnung, Reform und Studienlage genau angesehen.
Auf einen Blick
Der Nutri-Score fasst die Nährwertqualität eines Lebensmittels in einer fünfstufigen Skala von A (dunkelgrün) bis E (rot) zusammen. Berechnet wird er aus günstigen und ungünstigen Nährwerten pro 100 g. Seit der Reform 2023/2024 bewertet der Algorithmus Zucker und Salz strenger, behandelt Süßstoffe kritischer und stuft Milch als Getränk ein – Wasser bleibt als einziges Getränk bei A. Das Label ist in Deutschland freiwillig und nur innerhalb derselben Produktgruppe ein verlässlicher Vergleichsmaßstab.
Was ist der Nutri-Score?
Der Nutri-Score ist ein erweitertes Nährwertkennzeichen auf der Vorderseite von Lebensmittelverpackungen. Entwickelt wurde er in Frankreich auf Basis eines wissenschaftlichen Modells der britischen Food Standards Agency; die französische Gesundheitsbehörde Santé publique France hält die Rechte und koordiniert das System heute für mehrere europäische Länder. In Deutschland ist er seit November 2020 offiziell zugelassen.
Das Prinzip ist bewusst simpel gehalten. Statt sich durch Zahlenkolonnen zu Kalorien, Fett, Zucker und Salz zu arbeiten, sehen Verbraucherinnen und Verbraucher eine Farbskala mit fünf Stufen: Der grüne Buchstabe A steht für die günstigste Nährwertbilanz einer Produktgruppe, das rote E für die ungünstigste. Dazwischen liegen ein helleres Grün (B), Gelb (C) und Orange (D). Der jeweils zutreffende Buchstabe ist farblich hervorgehoben. Das Label ersetzt nicht die verpflichtende Nährwerttabelle, sondern ergänzt sie um eine schnelle Orientierung.
Wie der Nutri-Score berechnet wird
Hinter der Farbe steckt ein Punktesystem, das sich stets auf 100 Gramm beziehungsweise 100 Milliliter eines Produkts bezieht – unabhängig von der tatsächlichen Portionsgröße. Der Algorithmus verrechnet zwei Gruppen von Nährwerten gegeneinander:
- Ungünstige Komponenten (geben Minuspunkte): der Energiegehalt (Kalorien), Zucker, gesättigte Fettsäuren und Salz.
- Günstige Komponenten (geben Pluspunkte): Ballaststoffe, Eiweiß sowie der Anteil an Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Nüssen.
Vereinfacht gilt: Punkte für die ungünstigen Inhaltsstoffe minus Punkte für die günstigen ergeben die Gesamtpunktzahl. Je niedriger dieser Wert, desto besser die Einstufung. Ein Lebensmittel mit viel Zucker, gesättigtem Fett und Salz sammelt viele Minuspunkte und rutscht Richtung D oder E. Ein Produkt mit hohem Gemüse-, Ballaststoff- oder Eiweißanteil kann diese wieder ausgleichen und Richtung A oder B klettern. Weil Hersteller den Score selbst nach einer offiziellen Rechenvorschrift ermitteln, lässt er sich prinzipiell nachvollziehen – vorausgesetzt, alle nötigen Angaben wie der Ballaststoffgehalt stehen auf der Packung, was nicht immer der Fall ist.
Wie Zucker im Nutri-Score gewichtet wird
Zucker ist einer der stärksten Treiber Richtung Rot. Für den Zuckergehalt vergibt der Algorithmus abgestufte Minuspunkte: je mehr Zucker pro 100 g, desto mehr Punkte. Bei festen Lebensmitteln reicht die Skala nach der Reform bis zu 15 Zuckerpunkten, bei Getränken bis zu 10. Damit wiegt Zucker deutlich schwerer als früher, als bei maximal 10 Punkten Schluss war.
Das ist ein wichtiger Hebel, weil versteckter Zucker in unzähligen Produkten steckt, in denen man ihn nicht vermutet – von Tomatensauce bis Frühstücksmüsli. Wer wissen will, unter welchen Namen Zucker in der Zutatenliste auftaucht, findet in unserem Beitrag zu den Decknamen für versteckten Zucker einen Überblick. Und wie viel Zucker überhaupt noch als vertretbar gilt, ordnen wir im Text Wie viel Zucker am Tag ein.
Die Reform 2023/2024: Was sich geändert hat
Nach mehrjähriger wissenschaftlicher Überarbeitung durch ein internationales Expertengremium wurde der Algorithmus 2023 aktualisiert; Hersteller stellen seit 2024 schrittweise um. Ziel war, die Bewertung besser an aktuelle Ernährungsempfehlungen anzupassen. Die wichtigsten Punkte:
- Zucker strenger: Die Zuckerskala wurde für feste Lebensmittel auf bis zu 15 Punkte erweitert. Stark gezuckerte Produkte werden dadurch schlechter bewertet als zuvor.
- Salz strenger: Die Salzskala reicht nun bis 20 Punkte statt 10, und gerechnet wird direkt mit Salz statt mit Natrium. Salzreiche Produkte wie manche Fertigpizzen fallen ab.
- Süßstoffe kritischer: Für Süßstoffe in Getränken gibt es Strafpunkte. Das soll verhindern, dass Hersteller Zucker einfach durch Süßstoffe ersetzen und sich so ein besseres Ergebnis erschummeln.
- Getränke inklusive Milch: Alle trinkbaren Produkte werden jetzt nach der Getränke-Logik bewertet – auch Milch und Milchdrinks, die vorher gesondert behandelt wurden. Gezuckerte Milchgetränke schneiden dadurch schlechter ab.
- Wasser bleibt A: Reines Wasser ist weiterhin das einzige Getränk, das ein A erreichen kann. Für Getränke gilt schon bei 11 g Zucker pro 100 ml die höchste Zuckerpunktzahl.
- Ballaststoffe und Eiweiß: Die Anforderungen an Ballaststoffe wurden angehoben; Eiweiß kann mehr Pluspunkte bringen, wobei rotes Fleisch begrenzt wird.
Unterm Strich trennt der neue Algorithmus günstige und ungünstige Produkte schärfer. Wer die Bewertung einzelner Getränke nachvollziehen möchte, findet in unserem Zucker-Check für Getränke konkrete Beispiele.
| Stufe | Farbe | Bedeutung | Beispiele (grobe Orientierung) |
|---|---|---|---|
| A | Dunkelgrün | Günstigste Nährwertbilanz der Kategorie | Naturjoghurt, Haferflocken, Mineralwasser |
| B | Hellgrün | Noch günstig | Vollkornbrot, viele Tiefkühl-Gemüsemischungen |
| C | Gelb | Mittelfeld | manche Fertigsaucen, gesüßte Müslis |
| D | Orange | Eher ungünstig | viele Fertigpizzen, süße Backwaren |
| E | Rot | Ungünstigste Bilanz der Kategorie | Cola und Limonaden, viele Süßigkeiten |
Freiwillig in Deutschland
Anders als die Nährwerttabelle ist der Nutri-Score in Deutschland und der EU nicht verpflichtend. Hersteller entscheiden selbst, ob sie ihn nutzen. Das hat einen naheliegenden Schwachpunkt: Wer weiß, dass sein Produkt ein D oder E bekäme, lässt das Label eher weg. So fehlt der Score ausgerechnet dort oft, wo er am aussagekräftigsten wäre. Verbraucherschützer und Teile der Politik fordern deshalb seit Jahren eine EU-weit einheitliche und verpflichtende Kennzeichnung. Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat wirbt für das Label, kann es aber national nicht allein zur Pflicht machen.
Stärken: schneller Vergleich innerhalb einer Kategorie
Die größte Stärke des Nutri-Score liegt im schnellen Vergleich ähnlicher Produkte. Wer vor dem Müsliregal steht und zwischen fünf Packungen wählt, erkennt am Buchstaben in Sekunden, welche die günstigere Nährwertbilanz hat – ohne fünf Nährwerttabellen zu entziffern. Das System ist wissenschaftlich entwickelt und in Studien getestet, und es setzt Herstellern einen spürbaren Anreiz, Rezepturen zu verbessern: Wer Zucker, Salz oder gesättigtes Fett senkt oder den Ballaststoffanteil erhöht, kann eine bessere Stufe erreichen. Diese sogenannte Reformulierung ist ein realer, messbarer Effekt.
Berechtigte Kritik: Grenzen des Labels
So nützlich der Nutri-Score ist, er hat klare Grenzen. Der wichtigste Vorbehalt betrifft den Vergleich über Kategorien hinweg.
- Nur innerhalb der Kategorie sinnvoll: Ein Tiefkühl-Pizzateig und ein Olivenöl mit demselben Buchstaben sind nicht gleich gesund. Olivenöl erreicht wegen seines hohen Fettgehalts oft nur ein C oder D, ist aber Teil einer ausgewogenen Ernährung. Der Score vergleicht sinnvoll Pizza mit Pizza, nicht Öl mit Joghurt.
- Verarbeitet vs. unverarbeitet: Der Nutri-Score bildet den Grad der Verarbeitung nicht ab. Ein stark verarbeitetes Produkt mit geschickt optimierter Rezeptur kann ein A tragen, während ein wenig verarbeitetes Lebensmittel schlechter dasteht.
- Ausnahmen und Lücken: Vitamine, Mineralstoffe, ungesättigte Fettsäuren und Zusatzstoffe fließen nicht oder nur teilweise ein. Unverarbeitete Einzelprodukte wie frisches Obst tragen in der Regel gar kein Label.
- Interessenkonflikte in Studien: Untersuchungen deuten darauf hin, dass industrienah finanzierte Studien den Nutri-Score deutlich häufiger kritisch bewerten – ein Hinweis, Aussagen zum Label nach ihrer Quelle einzuordnen.
Studienlage: Wirkt der Nutri-Score auf das Kaufverhalten?
Die Frage, ob das Label tatsächlich zu gesünderen Einkäufen führt, ist gut untersucht. Mehrere randomisierte Studien – überwiegend aus dem französischen Forschungsumfeld – zeigen, dass der Nutri-Score im Vergleich zu anderen Kennzeichen die Kaufabsicht messbar in Richtung günstigerer Produkte verschiebt. Auch bei Menschen mit chronischen Erkrankungen ließ sich ein positiver Effekt nachweisen. Post-hoc-Analysen ergaben, dass die Wirkung bei verarbeiteten Produkten tendenziell stärker ausfällt als bei unverarbeiteten – was zum Anwendungszweck passt, denn dort ist die Orientierungshilfe am nötigsten.
Einschränkend gilt: Vieles davon misst die Kaufabsicht in Testszenarien, nicht zwingend das reale Langzeitverhalten am Regal. Und die Effektgrößen sind spürbar, aber kein Selbstläufer – ein Label ersetzt weder Ernährungsbildung noch strukturelle Maßnahmen wie eine Zuckersteuer. Wer Produkte genauer prüfen möchte, findet in unserer Nährwertdatenbank die Detailwerte hinter dem Buchstaben.
Häufige Fragen zum Nutri-Score
Bedeutet ein grünes A automatisch „gesund“?
Nein. Das A steht für die günstigste Nährwertbilanz innerhalb einer Produktgruppe, nicht für ein rundum gesundes Lebensmittel. Ein Müsli mit A ist im Vergleich zu anderen Müslis die bessere Wahl – ob es insgesamt in Ihre Ernährung passt, sagt der Buchstabe nicht.
Warum bekommt Olivenöl kein A?
Wegen seines hohen Fett- und Kaloriengehalts sammelt Olivenöl viele Minuspunkte und landet oft bei C oder D. Innerhalb der Kategorie Speiseöle schneidet es dennoch vergleichsweise gut ab. Das zeigt, warum man nur Produkte derselben Gruppe vergleichen sollte.
Was hat sich durch die Reform 2023/2024 geändert?
Zucker und Salz werden strenger bewertet, Süßstoffe in Getränken bekommen Strafpunkte, und Milch wird wie ein Getränk eingestuft. Reines Wasser bleibt das einzige Getränk mit A. Hersteller stellen seit 2024 schrittweise auf den neuen Algorithmus um.
Ist der Nutri-Score in Deutschland Pflicht?
Nein, er ist freiwillig. Hersteller können ihn nutzen oder weglassen. Das führt dazu, dass er auf ungünstigen Produkten häufiger fehlt. Eine EU-weite Pflicht wird diskutiert, ist aber nicht beschlossen.
Warum tragen Süßstoffe jetzt Strafpunkte?
Damit Hersteller Zucker nicht einfach durch Süßstoffe ersetzen und sich so eine bessere Bewertung sichern, ohne das Produkt tatsächlich zu verbessern. Süßstoffhaltige Getränke werden dadurch nicht mehr automatisch besser bewertet als vorher.
Kann ich mich allein auf den Nutri-Score verlassen?
Als schnelle Orientierung innerhalb einer Kategorie ja, als alleiniger Maßstab nein. Verarbeitungsgrad, Zusatzstoffe und der Kontext der Gesamternährung bleiben außen vor. Ein Blick auf Zutatenliste und Nährwerttabelle bleibt sinnvoll.
Fazit
Der Nutri-Score ist eine der praktischsten Orientierungshilfen im Supermarkt – solange man weiß, was er kann und was nicht. Als schneller Vergleich zwischen ähnlichen Produkten ist er wissenschaftlich fundiert und wirksam, und die Reform 2023/2024 hat ihn bei Zucker, Salz und Süßstoffen spürbar strenger und ehrlicher gemacht. Seine Schwächen liegen in der Freiwilligkeit, im fehlenden Blick auf den Verarbeitungsgrad und in der Versuchung, den Buchstaben als absolutes Gesundheitssiegel zu lesen. Wer den Nutri-Score als das nutzt, was er ist – ein Kompass innerhalb einer Kategorie, nicht über alle Lebensmittel hinweg –, trifft damit im Alltag bessere Entscheidungen. Vertiefende Informationen bieten die offizielle Darstellung von Santé publique France, die Verbraucherinfo des Bundesministeriums (BMLEH) sowie die Studienübersicht auf PubMed.