Saccharin: der älteste Süßstoff und der Krebsverdacht

Saccharin ist der Urvater aller künstlichen Süßstoffe: 1879 eher zufällig entdeckt, süßt es hunderte Male stärker als Haushaltszucker, liefert keine Kalorien und bringt den Blutzucker nicht in Bewegung. Kaum ein Süßstoff hat so viele Schlagzeilen produziert – vor allem wegen einer Krebs-Debatte, die sich über Jahrzehnte hinzog. Heute ist die Faktenlage klar: Die damaligen Tierversuche lassen sich nicht auf den Menschen übertragen. Wir sortieren, was gesichert ist und was Mythos blieb.

Auf einen Blick

Saccharin (E 954) ist der älteste synthetische Süßstoff, rund 300- bis 500-mal süßer als Zucker, praktisch kalorienfrei und mit einem glykämischen Index von 0. Die berüchtigten Blasentumore aus Rattenstudien der 1970er beruhen auf einem rattenspezifischen Mechanismus, der für den Menschen nicht relevant ist. Deshalb wurde Saccharin in den USA um das Jahr 2000 von der Krebsverdachtsliste gestrichen und von der IARC herabgestuft. Die EFSA stufte den Stoff 2024 neu als sicher ein und hob den ADI auf 9 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag an.

Was ist Saccharin (E 954)?

Saccharin ist ein synthetischer Süßstoff und trägt in der EU die Zusatzstoffnummer E 954. Chemisch handelt es sich um Benzoesäuresulfimid; in Lebensmitteln und Tafelsüßen wird meist nicht die reine Säure, sondern ein besser lösliches Salz eingesetzt – vor allem Natrium-, seltener Kalium- oder Calciumsaccharin. Alle diese Formen werden unter derselben E-Nummer geführt.

Der Stoff liefert dem Körper praktisch keine verwertbare Energie: Saccharin wird nach der Aufnahme nahezu unverändert wieder ausgeschieden und nicht verstoffwechselt. Damit ist es kalorienfrei und hat einen glykämischen Index von 0 – es löst also weder einen nennenswerten Anstieg des Blutzuckers noch eine Insulinausschüttung aus. Das macht Saccharin grundsätzlich interessant für Menschen mit Diabetes und für kalorienreduzierte Produkte. Wie Süßstoffe insgesamt einzuordnen sind, haben wir im Überblick zu Süßstoffen zusammengefasst.

Der älteste Süßstoff: 1879 entdeckt

Die Geschichte von Saccharin beginnt 1879 im Labor der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore. Der Chemiker Constantin Fahlberg forschte an Steinkohlenteer-Derivaten und bemerkte einen intensiv süßen Geschmack an seinen Fingern – die Legende besagt, er habe sich vor dem Essen nicht die Hände gewaschen. Zusammen mit dem Chemiker Ira Remsen beschrieb er die Substanz, die später den Namen Saccharin erhielt.

Damit ist Saccharin der mit Abstand älteste künstliche Süßstoff und deutlich älter als etwa Cyclamat (1937), Aspartam (1965) oder Sucralose (1976). Große Bedeutung erlangte es in beiden Weltkriegen, als Zucker knapp und teuer war. Bis heute ist Saccharin ein weltweit zugelassener, kostengünstiger Süßstoff.

Eigenschaften: Süßkraft, Geschmack, Hitzestabilität

Saccharin gehört zu den intensivsten Süßstoffen überhaupt. Die Süßkraft liegt je nach Konzentration und Vergleichsbasis etwa beim 300- bis 500-Fachen von Haushaltszucker. Schon winzige Mengen genügen also, um ein Getränk oder eine Speise zu süßen.

  • Nachgeschmack: Charakteristisch ist ein leicht bitter-metallischer Nachgeschmack, der bei höheren Dosierungen deutlicher hervortritt. Genau deshalb wird Saccharin in der Praxis oft mit anderen Süßstoffen kombiniert.
  • Hitzestabilität: Saccharin ist hitze- und lagerstabil und eignet sich damit auch zum Kochen und Backen – ein Vorteil gegenüber Aspartam, das bei Hitze zerfällt.
  • Kalorien und Blutzucker: praktisch 0 Kalorien, glykämischer Index 0.

Um den unerwünschten Nachgeschmack zu kaschieren und die Süße abzurunden, wird Saccharin sehr häufig mit Cyclamat gemischt – meist im Verhältnis von etwa 1 Teil Saccharin zu 10 Teilen Cyclamat. Diese Kombination ist der Klassiker unter den Tafelsüßstoffen und in vielen Streusüße-Tabletten enthalten.

Die Krebs-Geschichte – nüchtern betrachtet

Kein anderer Süßstoff ist so eng mit einer Krebs-Debatte verknüpft wie Saccharin. In den 1970er-Jahren zeigten kanadische und US-amerikanische Fütterungsstudien, dass sehr hohe Dosen von Natriumsaccharin bei männlichen Ratten vermehrt Blasentumore auslösten. Die verabreichten Mengen entsprachen – auf den Menschen umgerechnet – dem Konsum von hunderten Dosen Light-Getränk pro Tag über ein ganzes Leben.

Die Reaktion war drastisch: Kanada verbot Saccharin, die US-Behörde FDA plante ebenfalls ein Verbot. In den USA schrieb der Gesetzgeber daraufhin Warnhinweise auf saccharinhaltige Produkte vor. Saccharin galt jahrzehntelang als möglicher Krebsauslöser – und prägte damit das Misstrauen gegenüber Süßstoffen insgesamt.

Entscheidend ist aber, was die Forschung danach herausfand: Der Mechanismus hinter den Tumoren ist spezifisch für die männliche Ratte. Die sehr hohen Saccharin-Natrium-Dosen führten im konzentrierten Rattenurin zur Bildung winziger Kristalle (Mikropräzipitate), die die Blasenschleimhaut mechanisch reizten und über wiederholte Zell-Reparatur schließlich Tumore begünstigten. Menschlicher Urin hat eine andere Zusammensetzung und einen anderen pH-Wert, sodass dieser Kristallisationsprozess nicht abläuft. Beobachtungsstudien am Menschen fanden keinen überzeugenden Zusammenhang zwischen üblichem Saccharin-Konsum und Blasenkrebs.

Delisting und Herabstufung: Die Kehrtwende der Behörden

Als der rattenspezifische Mechanismus verstanden war, korrigierten die Fachbehörden ihre Einschätzung Schritt für Schritt:

JahrInstitutionEntscheidung
1999IARC (WHO)Herabstufung von Gruppe 2B in Gruppe 3 – „nicht klassifizierbar hinsichtlich krebserzeugender Wirkung beim Menschen“
2000US NTPStreichung von der Krebsverdachtsliste im „Report on Carcinogens“ (Delisting)
2000/2001US-Kongress / FDAWegfall der gesetzlichen Warnhinweispflicht auf Produkten
2024EFSANeubewertung als sicher, ADI angehoben auf 9 mg/kg Körpergewicht/Tag

Die Internationale Krebsforschungsagentur IARC ordnete Saccharin 1999 in die Gruppe 3 ein – dieselbe Kategorie, in der sich viele alltägliche Stoffe befinden, für die kein Krebsverdacht belegt ist. Das US-amerikanische National Toxicology Program (NTP) strich Saccharin im Jahr 2000 aus seinem Report on Carcinogens, nachdem die Datenlage keinen Hinweis auf ein Krebsrisiko beim Menschen mehr hergab. Diese Kehrtwende ist ein Lehrstück dafür, wie Wissenschaft eigene Fehleinschätzungen korrigiert, sobald der biologische Mechanismus verstanden ist.

Wie sicher ist Saccharin heute? EFSA-Bewertung und ADI

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat Saccharin und seine Salze 2024 umfassend neu bewertet. Das Ergebnis: keine Sicherheitsbedenken bei den heute üblichen Verzehrmengen. Die alte, auf den Blasentumoren der Ratte basierende Vorsicht ist damit ausdrücklich vom Tisch – die EFSA bestätigt, dass diese Tumore rattenspezifisch und für den Menschen nicht relevant sind.

Konkret hob die EFSA den ADI („Acceptable Daily Intake“, also die duldbare tägliche Aufnahmemenge) von zuvor 5 mg/kg Körpergewicht (bezogen auf Natriumsaccharin, festgelegt 1995) auf nun 9 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag an. Für eine 70 kg schwere Person entspricht das rund 630 mg Saccharin täglich – eine Menge, die über normale Ernährung praktisch nicht erreicht wird. Die Behörde stellte fest, dass selbst die höchsten geschätzten Verzehrmengen in allen Bevölkerungsgruppen deutlich unter dem ADI liegen. Details finden sich in der EFSA-Neubewertung von 2024.

Wichtig: Der ADI ist ein Sicherheitswert mit großem Puffer, keine Verzehrempfehlung und keine „Verbotsgrenze“, ab der etwas gefährlich wird. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stuft die in der EU zugelassenen Süßstoffe innerhalb dieser Grenzwerte als gesundheitlich unbedenklich ein. Wer sich unsicher ist – etwa in Schwangerschaft oder bei Vorerkrankungen – sollte das mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt besprechen, statt sich auf Internet-Behauptungen zu verlassen.

Einsatz im Alltag: Wo Saccharin steckt

Saccharin ist EU-weit für zahlreiche Lebensmittelkategorien zugelassen und begegnet uns an vielen Stellen:

  • Tafelsüßen: Streusüße-Tabletten und Flüssigsüße, oft in der klassischen Kombination mit Cyclamat.
  • Getränke: Light- und Zero-Limonaden, teils in Mischungen mit anderen Süßstoffen.
  • Süßwaren, Desserts, Konfitüren mit reduziertem Zuckergehalt.
  • Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel: zur Geschmacksverbesserung, etwa in Kau- oder Lutschtabletten.

Im Vergleich zu neueren Süßstoffen wie Sucralose punktet Saccharin mit seinem niedrigen Preis und der guten Hitzestabilität, hat aber den ausgeprägteren Nachgeschmack. Wer generell nach Alternativen zum Haushaltszucker sucht, findet in unserer Übersicht zu Zuckerersatz einen Vergleich der gängigen Optionen.

Häufige Fragen zu Saccharin

Ist Saccharin krebserregend?

Nach heutigem Wissensstand nein. Die Blasentumore aus den Rattenstudien der 1970er beruhen auf einem Mechanismus, der nur bei männlichen Ratten auftritt und sich nicht auf den Menschen übertragen lässt. Die IARC hat Saccharin 1999 in die Gruppe 3 („nicht klassifizierbar“) herabgestuft, das US-amerikanische NTP strich es 2000 von der Krebsverdachtsliste, und die EFSA bestätigte 2024 die Sicherheit.

Wie viel süßer als Zucker ist Saccharin?

Saccharin süßt etwa 300- bis 500-mal so stark wie Haushaltszucker. Bereits sehr kleine Mengen reichen daher aus, um Speisen oder Getränke zu süßen.

Hat Saccharin Kalorien oder beeinflusst es den Blutzucker?

Saccharin ist praktisch kalorienfrei und hat einen glykämischen Index von 0. Es wird vom Körper nicht verwertet, sondern nahezu unverändert ausgeschieden, und löst weder einen relevanten Blutzuckeranstieg noch eine Insulinausschüttung aus.

Warum wird Saccharin oft mit Cyclamat kombiniert?

Saccharin hat einen leicht bitter-metallischen Nachgeschmack, Cyclamat einen weniger intensiven, runderen Geschmack. In Kombination – typischerweise etwa 1 Teil Saccharin zu 10 Teilen Cyclamat – gleichen sich die Profile aus, und die Gesamtsüße wirkt angenehmer.

Wie viel Saccharin ist unbedenklich?

Die EFSA nennt einen ADI von 9 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Für eine 70 kg schwere Person sind das rund 630 mg täglich – eine Menge, die über normale Ernährung praktisch nicht erreicht wird. Der ADI enthält bereits einen großen Sicherheitspuffer.

Kann man mit Saccharin backen und kochen?

Ja. Saccharin ist hitzestabil und zerfällt beim Erhitzen nicht – anders als Aspartam. Zu beachten ist lediglich, dass Saccharin nur süßt, aber nicht die Masse, Bräunung oder Struktur von Zucker ersetzt.

Fazit

Saccharin ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich ein hartnäckiger Gesundheitsmythos wissenschaftlich auflösen lässt. Der älteste künstliche Süßstoff war jahrzehntelang mit einem Krebsverdacht belastet, der auf Tierversuchen mit extrem hohen Dosen beruhte. Nachdem der zugrunde liegende Mechanismus als rattenspezifisch und für den Menschen irrelevant erkannt war, korrigierten IARC, US-NTP und zuletzt die EFSA ihre Bewertung – Saccharin gilt heute innerhalb der zugelassenen Mengen als sicher. Für alltägliche Verzehrmengen besteht nach aktueller Datenlage kein Krebsrisiko. Wie bei allen Süßstoffen gilt: Sie sind eine sinnvolle Option zur Zuckerreduktion, aber kein Freifahrtschein – die beste Strategie bleibt, den Geschmack insgesamt weniger süß zu gewöhnen. Weitere Süßstoffe und ihre Bewertung finden Sie unter anderem in unserem Beitrag zu Aspartam und Krebs.