Cyclamat: in den USA verboten, bei uns erlaubt

Kaum ein Süßstoff hat eine so widersprüchliche Geschichte wie Cyclamat: In den USA seit 1969/70 verboten, in Deutschland und der gesamten EU dagegen weiterhin zugelassen und von den Behörden als sicher bewertet. Wie kann derselbe Stoff auf zwei Kontinenten so unterschiedlich beurteilt werden? Wir haben uns die Faktenlage von EFSA, BfR und FDA angesehen – und erklären, warum Cyclamat trotz seiner geringen Süßkraft bis heute in fast jeder Tafelsüße steckt.

Auf einen Blick

Cyclamat (E 952) ist ein synthetischer Süßstoff mit 0 Kalorien und einer für Süßstoffe ungewöhnlich niedrigen Süßkraft von nur etwa 30- bis 50-mal Zucker. Es ist hitzestabil, hat einen glykämischen Index von 0 und wird deshalb fast immer mit Saccharin kombiniert. In den USA wegen eines Blasenkrebs-Verdachts aus einem Ratten­versuch mit einer Cyclamat-Saccharin-Mischung seit 1969/70 verboten, in der EU dagegen als sicher eingestuft. Der Grund: Die Rattenbefunde ließen sich nicht auf den Menschen übertragen, spätere Studien entlasteten den Stoff. Wegen des vergleichsweise niedrigen ADI-Werts von 7 mg pro Kilogramm Körpergewicht gilt in Europa jedoch eine Mengenbegrenzung.

Was ist Cyclamat (E 952)?

Cyclamat ist ein künstlich hergestellter Süßstoff, der in der EU unter der Zusatzstoffnummer E 952 geführt wird. Chemisch handelt es sich um Cyclohexylsulfaminsäure beziehungsweise deren Natrium- und Calciumsalze. Entdeckt wurde die süße Wirkung bereits 1937 durch den US-Chemiker Michael Sveda – der Legende nach, weil er sich beim Rauchen eine Zigarette an seiner mit der Substanz benetzten Hand ablegte und den süßen Geschmack bemerkte.

Anders als Zucker liefert Cyclamat dem Körper keine verwertbare Energie. Es wird zum größten Teil unverändert wieder ausgeschieden und beeinflusst den Blutzuckerspiegel nicht. Damit ist es grundsätzlich auch für Menschen mit Diabetes interessant. Cyclamat gehört zur großen Gruppe der Süßstoffe – wenn Sie einen Überblick über die gängigen Vertreter suchen, finden Sie ihn in unserem Ratgeber zu Süßstoffen und ihren gesundheitlichen Aspekten.

Süßkraft, Kalorien und Eigenschaften

Cyclamat fällt unter den Süßstoffen durch eine Besonderheit auf: Es hat mit Abstand die geringste Süßkraft. Während Aspartam rund 200-mal und Saccharin sogar 300- bis 500-mal süßer als Haushaltszucker ist, kommt Cyclamat lediglich auf das etwa 30- bis 50-Fache. Das klingt zunächst wie ein Nachteil, hat aber praktische Vorteile: Der Geschmack wirkt runder und „zuckerähnlicher“, und der bei anderen Süßstoffen typische metallisch-bittere Nachgeschmack fällt geringer aus.

  • Süßkraft: ca. 30–50× so süß wie Haushaltszucker (geringste unter den Süßstoffen)
  • Kaloriengehalt: praktisch 0 Kalorien
  • Glykämischer Index (GI): 0 – kein Einfluss auf den Blutzucker
  • Hitzestabilität: hoch – auch zum Kochen und Backen geeignet
  • Zahngesundheit: nicht kariogen, verursacht also keine Karies

Die Hitzestabilität ist ein echter Pluspunkt gegenüber Aspartam, das bei starker Erhitzung zerfällt und an Süße verliert. Cyclamat übersteht Backofentemperaturen problemlos.

Die zentrale Geschichte: Verbot in den USA

Der Ruf von Cyclamat ist bis heute von einem Ereignis geprägt: dem US-Verbot von 1969/70. In den 1960er-Jahren war Cyclamat in den USA ein Massenprodukt und steckte in unzähligen Diät-Limonaden. 1969 sorgte eine Tierstudie für Aufsehen: Ratten, die über lange Zeit eine Mischung aus Cyclamat und Saccharin im Verhältnis 10:1 in sehr hohen Dosen erhielten, entwickelten Blasentumore.

Für die US-Zulassungsbehörde FDA war das Grund genug: Nach der sogenannten Delaney-Klausel – einer strengen US-Regel, die jeden Stoff verbietet, der bei Mensch oder Tier Krebs auslöst – wurde Cyclamat 1969 aus dem Verkehr gezogen und 1970 vollständig verboten. Dieses Verbot besteht in den USA bis heute, obwohl der Hersteller wiederholt Anträge auf Wiederzulassung gestellt hat.

Wichtig: Die damaligen Ratten erhielten Dosen, die – auf den Menschen umgerechnet – dem Konsum von mehreren hundert Litern Limonade pro Tag über Jahre entsprochen hätten. Solche Mengen sind im realen Ernährungsalltag völlig unrealistisch. Der Krebsverdacht stützte sich zudem auf eine Cyclamat-Saccharin-Mischung, nicht auf Cyclamat allein.

Warum bewerten EU und USA Cyclamat so unterschiedlich?

Die naheliegende Frage lautet: Wenn die USA Cyclamat verbieten, warum ist es dann in Deutschland erlaubt? Die Antwort liegt in der wissenschaftlichen Neubewertung der Datenlage.

  • Rattenbefunde nicht übertragbar: Spätere Analysen zeigten, dass der Mechanismus der Blasentumore bei Ratten stark artspezifisch ist. Der bei Nagern beobachtete Effekt ließ sich nicht auf den menschlichen Stoffwechsel übertragen.
  • Entlastende Folgestudien: Zahlreiche nachfolgende Untersuchungen – darunter Langzeitstudien an Affen – konnten den Krebsverdacht nicht bestätigen. Auch epidemiologische Daten am Menschen lieferten keine Hinweise auf ein erhöhtes Blasenkrebs­risiko.
  • Kombinationseffekt: Der ursprüngliche Verdacht beruhte auf einer Mischung. Cyclamat allein zeigte in den entlastenden Studien keine krebs­erzeugende Wirkung.

Auf dieser Grundlage kamen europäische Gremien und internationale Fachausschüsse (wie JECFA von WHO und FAO) zu dem Schluss, dass Cyclamat in den festgelegten Höchstmengen sicher ist. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) teilen diese Einschätzung. Die USA halten dagegen aus regulatorischen und historischen Gründen an ihrem Verbot fest – eine Wiederzulassung ist verwaltungstechnisch aufwendig und politisch heikel, auch wenn die FDA die Datenlage inzwischen weniger kritisch sieht.

Der ADI-Wert und die Mengenbegrenzung

Trotz Zulassung ist Cyclamat kein Freibrief. Der entscheidende Sicherheitswert ist der ADI (Acceptable Daily Intake) – die Menge, die ein Mensch ein Leben lang täglich ohne gesundheitliches Risiko aufnehmen kann. Für Cyclamat liegt er bei 7 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Abgeleitet wurde dieser Wert nicht aus dem Krebsverdacht, sondern aus Studien zum Abbauprodukt Cyclohexylamin, das in hohen Dosen bei Tieren die Fortpflanzungsorgane schädigte.

Im Vergleich zu anderen Süßstoffen ist dieser ADI-Wert auffällig niedrig – Aspartam liegt bei 40 mg/kg, Acesulfam K nach der EFSA-Neubewertung 2025 bei 15 mg/kg, Saccharin nach der EFSA-Neubewertung 2024 bei 9 mg/kg. Weil der Cyclamat-ADI so niedrig ist und die Süßkraft gering, ist der Einsatz in Lebensmitteln in der EU mengenmäßig begrenzt. So darf Cyclamat etwa in Getränken nur bis zu einem bestimmten Höchstwert verwendet werden.

SüßstoffE-NummerSüßkraft (× Zucker)ADI (mg/kg KG/Tag)
CyclamatE 952ca. 30–507
SaccharinE 954ca. 300–5009 (EFSA 2024)
AspartamE 951ca. 20040
Acesulfam KE 950ca. 20015 (EFSA 2025)

Was bedeutet der ADI im Alltag?

Ein Rechenbeispiel: Eine Person mit 70 kg Körpergewicht hat einen ADI von 490 mg Cyclamat pro Tag. Diese Menge ließe sich zwar theoretisch mit einigen Litern cyclamat­gesüßter Limonade erreichen, im normalen Konsum wird sie aber kaum überschritten. Kritischer ist die Lage bei Kindern: Wegen ihres geringeren Körpergewichts können sie den ADI schneller ausschöpfen, wenn sie regelmäßig große Mengen süßstoffhaltiger Getränke trinken. Verbraucherschützer raten deshalb, es bei Kindern nicht zu übertreiben.

Fast immer in Kombination: Cyclamat und Saccharin

In der Praxis begegnet Ihnen Cyclamat selten allein. Es wird meist mit Saccharin kombiniert, typischerweise im Verhältnis 10:1. Der Grund ist ein sogenannter Synergieeffekt: Die beiden Stoffe verstärken sich gegenseitig in ihrer Süße, sodass insgesamt weniger von jedem einzelnen Süßstoff nötig ist. Gleichzeitig überdeckt Cyclamat den leicht bitter-metallischen Nachgeschmack des Saccharins. Diese Kombination finden Sie vor allem in:

  • Tafelsüße in Tablettenform (Streusüße für Kaffee und Tee)
  • Flüssigsüße zum Dosieren
  • Diät- und Light-Getränken, teils in Kombination mit weiteren Süßstoffen
  • zucker­reduzierten Marmeladen und Desserts

Wer nach Alternativen zum klassischen Haushaltszucker sucht, findet in unserem Überblick zu Zuckerersatz eine Einordnung der verschiedenen Optionen – von Süßstoffen über Zuckeralkohole bis zu natürlichen Alternativen.

Häufige Fragen zu Cyclamat

Ist Cyclamat krebserregend?

Nach heutigem Stand der Wissenschaft gibt es keinen belastbaren Beleg dafür, dass Cyclamat beim Menschen Krebs auslöst. Der historische Verdacht stammte aus einem Rattenversuch mit einer Cyclamat-Saccharin-Mischung in extrem hohen Dosen. Der Effekt erwies sich als artspezifisch und nicht auf den Menschen übertragbar. EFSA und BfR stufen Cyclamat in den zugelassenen Mengen als sicher ein.

Warum ist Cyclamat in den USA verboten, aber in Deutschland erlaubt?

Die USA verboten Cyclamat 1969/70 auf Basis der strengen Delaney-Klausel, die jeden im Tierversuch krebsverdächtigen Stoff untersagt. Spätere Studien entlasteten Cyclamat jedoch, weshalb europäische und internationale Behörden es weiterhin als sicher bewerten. Die USA halten aus regulatorischen und historischen Gründen am Verbot fest.

Wie viel Cyclamat ist unbedenklich?

Der ADI-Wert liegt bei 7 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Für einen Erwachsenen mit 70 kg entspricht das rund 490 mg täglich. Im normalen Konsum wird dieser Wert selten überschritten. Bei Kindern sollte man wegen des geringeren Körpergewichts auf die Menge achten.

Ist Cyclamat für Diabetiker geeignet?

Ja. Cyclamat hat einen glykämischen Index von 0 und beeinflusst den Blutzuckerspiegel nicht. Es liefert keine verwertbaren Kalorien. Damit ist es grundsätzlich für Menschen mit Diabetes geeignet – die zugelassenen Höchstmengen sollten jedoch beachtet werden.

Kann man mit Cyclamat backen und kochen?

Ja. Cyclamat ist hitzestabil und verliert beim Erhitzen nicht an Süßkraft. Das ist ein Vorteil gegenüber Aspartam, das bei hohen Temperaturen zerfällt. Zu beachten ist, dass Süßstoffe die technologischen Eigenschaften von Zucker – etwa Volumen und Bräunung – nicht ersetzen.

Warum wird Cyclamat fast immer mit Saccharin gemischt?

Die beiden Süßstoffe verstärken sich gegenseitig (Synergieeffekt), sodass insgesamt weniger benötigt wird. Zudem überdeckt Cyclamat den bitter-metallischen Nachgeschmack von Saccharin. Das Ergebnis ist ein runderer, zuckerähnlicherer Geschmack – der Grund, warum die klassische Tafelsüße meist beide enthält.

Fazit

Cyclamat ist ein Paradebeispiel dafür, wie unterschiedlich dieselbe Substanz beurteilt werden kann. Das US-Verbot von 1969/70 wirkt bis heute nach und nährt den Ruf eines „gefährlichen“ Süßstoffs – dabei beruhte es auf einem Rattenversuch mit einer Süßstoff­mischung in unrealistisch hohen Dosen, dessen Ergebnis sich nicht auf den Menschen übertragen ließ. EFSA und BfR bewerten Cyclamat in den zugelassenen Mengen als sicher; der niedrige ADI-Wert von 7 mg/kg sorgt zusammen mit gesetzlichen Höchstmengen für einen zusätzlichen Sicherheitspuffer. Für gesunde Erwachsene ist ein maßvoller Konsum unbedenklich; bei Kindern lohnt ein wacher Blick auf die Menge. Wer Süßstoffe grundsätzlich kritisch sieht, findet in unseren Beiträgen zu Aspartam und Krebs sowie zur Frage, ob Süßstoffe ungesund sind, weitere faktenbasierte Einordnungen. Sichere Quellen zur Vertiefung: das BfR zu Süßstoff-Mischungen und die EFSA zur Neubewertung der Süßstoffe.